Die Costs of Carry (deutsch: Haltekosten) bezeichnen alle Kosten und Erträge, die anfallen, wenn man einen Vermögenswert über einen bestimmten Zeitraum hält. Das Konzept ist vor allem im Termin- und Futures-Handel zentral, denn es erklärt, warum der Preis eines Terminkontrakts vom aktuellen Kassapreis abweicht. Wer Futures, Rohstoffe oder Devisen versteht, kommt an den Costs of Carry nicht vorbei.
Was steckt hinter dem Begriff?
Wenn man einen Vermögenswert kauft und hält, entstehen einerseits Kosten und andererseits mögliche Erträge. Die Costs of Carry fassen beides in einer Größe zusammen. Sie beantworten die Frage: Was kostet es unter dem Strich, dieses Investment bis zu einem künftigen Zeitpunkt zu halten? Ist das Ergebnis positiv, ist das Halten teuer. Ist es negativ, wirft das Halten sogar einen Ertrag ab.
Die Bestandteile der Haltekosten
Die Costs of Carry setzen sich je nach Anlageklasse aus mehreren Komponenten zusammen:
- Finanzierungskosten: Zinsen für das Kapital, das im Investment gebunden ist. Wer den Kauf finanziert, zahlt Zinsen; wer eigenes Geld einsetzt, verzichtet auf Zinserträge.
- Lagerkosten: Bei physischen Rohstoffen wie Öl, Getreide oder Metallen fallen Kosten für Lagerung, Versicherung und Transport an.
- Erträge: Manche Vermögenswerte werfen während der Haltedauer Erträge ab, etwa Dividenden bei Aktien oder Zinsen bei Anleihen. Diese Erträge senken die Netto-Haltekosten.
Die Formel lautet vereinfacht: Costs of Carry = Finanzierungskosten + Lagerkosten – Erträge.
Warum Futures-Preise vom Kassapreis abweichen
Der faire Preis eines Terminkontrakts ergibt sich aus dem heutigen Kassapreis plus den Costs of Carry bis zum Fälligkeitstermin. Wenn das Halten teuer ist (positive Haltekosten), liegt der Futures-Preis über dem Kassapreis. Werfen die gehaltenen Werte dagegen hohe Erträge ab, kann der Futures-Preis unter dem Kassapreis liegen. Dieser Zusammenhang verhindert, dass risikolose Gewinne durch das gleichzeitige Kaufen und Verkaufen über verschiedene Märkte möglich sind.
Contango und Backwardation
Die Costs of Carry stehen in direktem Zusammenhang mit zwei wichtigen Marktzuständen:
- Contango: Der Futures-Preis liegt über dem Kassapreis. Das ist der typische Zustand bei positiven Haltekosten, etwa wenn Lager- und Finanzierungskosten hoch sind.
- Backwardation: Der Futures-Preis liegt unter dem Kassapreis. Das kann auftreten, wenn ein Rohstoff kurzfristig knapp ist und der sofortige Besitz einen besonderen Nutzen hat.
Diese Begriffe beschreiben die Form der sogenannten Terminkurve und sind für Rohstoffanleger von großer Bedeutung.
Ein Rechenbeispiel
Angenommen, ein Rohstoff kostet heute am Kassamarkt 100 Euro. Die Finanzierungskosten für ein Jahr betragen 4 Euro, die Lagerkosten 2 Euro, Erträge fallen keine an. Die Costs of Carry belaufen sich damit auf 6 Euro. Der faire Preis eines Futures mit einem Jahr Laufzeit liegt folglich bei etwa 106 Euro. Würde der Future deutlich günstiger oder teurer notieren, entstünden Arbitragemöglichkeiten, die den Preis wieder in Richtung des fairen Wertes treiben.
Bedeutung für Anleger
Für Privatanleger sind die Costs of Carry vor allem bei Rohstoff-ETFs und Zertifikaten relevant. Wer in einen Rohstoff über Futures investiert, muss ausläufige Kontrakte regelmäßig gegen länger laufende tauschen. Diesen Vorgang nennt man Rollen. In einem Contango-Markt entstehen dabei Rollverluste, weil der teurere nächste Kontrakt gekauft werden muss. Über lange Zeiträume können diese Rollkosten die Rendite spürbar schmälern. Wer Rohstoffprodukte hält, sollte deshalb verstehen, ob sich der Markt in Contango oder Backwardation befindet.
Häufige Fragen
Sind Costs of Carry immer positiv?
Nein. Wenn die Erträge aus dem Halten (etwa Dividenden) höher sind als Finanzierungs- und Lagerkosten, können die Netto-Haltekosten negativ werden.
Was haben Costs of Carry mit Rollverlusten zu tun?
In einem Contango-Markt, der aus positiven Haltekosten resultiert, muss beim Rollen ein teurerer Kontrakt gekauft werden. Das führt zu Rollverlusten, die die Rendite mindern.
Gelten Costs of Carry nur für Rohstoffe?
Nein. Das Konzept gilt für alle Terminkontrakte, also auch für Aktienindizes, Anleihen und Devisen. Nur die Zusammensetzung der Kosten unterscheidet sich.
Costs of Carry bei verschiedenen Anlageklassen
Die konkrete Zusammensetzung der Haltekosten unterscheidet sich je nach Anlageklasse deutlich. Bei Aktien bestehen sie vor allem aus Finanzierungskosten abzüglich der erwarteten Dividenden. Zahlt eine Aktie hohe Dividenden, können die Netto-Haltekosten sogar negativ werden. Bei Devisen ergibt sich die Carry aus der Zinsdifferenz zwischen zwei Währungen, was die Grundlage für sogenannte Carry Trades bildet. Bei Anleihen spielt der Kupon eine zentrale Rolle, bei Rohstoffen dagegen die Lager- und Versicherungskosten. Wer Terminkontrakte verschiedener Märkte vergleicht, muss diese unterschiedlichen Treiber kennen, um die Preisbildung zu verstehen.
Das Cost-of-Carry-Modell
Hinter der Preisbildung von Futures steht ein einfaches Modell. Der theoretisch faire Terminpreis ergibt sich aus dem Kassapreis, erhöht um die Finanzierungs- und Lagerkosten und verringert um die erwarteten Erträge bis zur Fälligkeit. Weicht der tatsächliche Terminpreis stark von diesem fairen Wert ab, entstehen Arbitragemöglichkeiten. Händler würden dann den unterbewerteten Markt kaufen und den überbewerteten verkaufen, bis sich die Preise wieder angleichen. Dieser Mechanismus sorgt dafür, dass Kassa- und Terminmarkt eng miteinander verbunden bleiben.
Die Convenience Yield
Bei Rohstoffen kommt ein besonderer Faktor hinzu, die sogenannte Convenience Yield. Sie beschreibt den Nutzen, einen Rohstoff physisch zu besitzen, statt nur einen Terminkontrakt darauf zu halten. Wer Öl oder Metalle tatsächlich im Lager hat, kann bei plötzlicher Knappheit sofort liefern oder produzieren. Dieser Vorteil wirkt wie ein negativer Kostenbestandteil und kann dazu führen, dass der Terminpreis unter dem Kassapreis liegt. Die Convenience Yield erklärt damit, warum Rohstoffmärkte sich zeitweise in Backwardation befinden, obwohl Lagerkosten anfallen.
Rollverluste in der Praxis
Für Privatanleger werden die Costs of Carry vor allem beim Rollen von Terminkontrakten spürbar. Rohstoff-ETFs, die keine physischen Güter lagern, halten Futures und müssen diese vor Fälligkeit gegen länger laufende Kontrakte tauschen. In einem Contango-Markt ist der nächste Kontrakt teurer, sodass bei jedem Rollen ein kleiner Verlust entsteht. Über Jahre summieren sich diese Rollverluste und können dazu führen, dass ein Rohstoff-ETF deutlich schlechter abschneidet als der Rohstoffpreis selbst. Wer solche Produkte hält, sollte die Terminkurve im Blick behalten.
Warum das Konzept so grundlegend ist
Die Costs of Carry verbinden viele scheinbar getrennte Themen: Zinsen, Lagerkosten, Dividenden, Arbitrage und die Form der Terminkurve. Sie sind der rote Faden, der erklärt, warum Termin- und Kassapreise auseinanderlaufen und wie beide zusammenhängen. Wer dieses Prinzip verinnerlicht hat, versteht die Preisbildung an den Terminmärkten deutlich besser und erkennt, warum bestimmte Investmentprodukte über die Zeit an Wert verlieren oder gewinnen können.
Costs of Carry und das Zinsumfeld
Wie hoch die Haltekosten ausfallen, hängt stark vom allgemeinen Zinsniveau ab. In einer Phase hoher Zinsen steigen die Finanzierungskosten, und damit wächst auch die Carry-Komponente. Terminpreise liegen dann tendenziell deutlicher über den Kassapreisen. In Zeiten sehr niedriger oder sogar negativer Zinsen schrumpfen die Finanzierungskosten dagegen, was die Terminkurve flacher macht. Für Anleger bedeutet das: Dasselbe Rohstoff- oder Terminprodukt kann sich je nach Zinsumfeld unterschiedlich verhalten. Wer die Entwicklung der Leitzinsen verfolgt, kann besser einschätzen, ob Rollkosten in näherer Zukunft eher steigen oder sinken und wie sich das auf langfristige Positionen auswirkt.
Carry Trade: ein Praxisbeispiel
Ein anschauliches Beispiel für die Costs of Carry ist der Carry Trade an den Devisenmärkten. Dabei leiht sich ein Investor Geld in einer Währung mit niedrigen Zinsen und legt es in einer Währung mit höheren Zinsen an. Die Zinsdifferenz ist die Carry, also der laufende Ertrag der Position. Solange die Wechselkurse stabil bleiben, verdient der Investor an dieser Differenz. Das Risiko liegt in der Währungsentwicklung: Wertet die höher verzinste Währung ab, kann der Verlust den Zinsvorteil schnell übersteigen. Der Carry Trade zeigt damit beispielhaft, dass Haltekosten und Halteerträge zwei Seiten derselben Medaille sind und dass hinter einer verlockenden Carry stets ein Risiko steht.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ist keine Anlageberatung.
